Der laute Terror und der stille Rechtsextremismus
An erster Stelle möchten wir den Hinterbliebenen der Opfer von Halle unser tiefstes Beileid aussprechen. Darüber hinaus gilt den Menschen, die zum Zeitpunkt des Anschlags in der Synagoge waren, sowie allen weiteren Betroffenen unser tiefstes Mitgefühl.
Es ist jetzt eine Nacht vergangen nach den schockierenden Ereignissen von Halle und Landsberg.
Ganz bewusst haben wir bisher nicht viel drüber gepostet. Alles war unklar gestern! Es gab keine sicheren und zuverlässigen Aussagen über Täter, Motiv und Tathergang. Und wir finden, bei solch einer schrecklichen Tat sind Spekulationen nicht angebracht.
Auch heute ist es schwer, zuverlässige Aussagen zu finden, aber eines steht offensichtlich fest: Es war ein junger deutscher Mann, der seine rechtsextremistischen Vorstellungen in die Tat umsetzen wollte. Überall im Internet kursieren Videos dazu.
Ein angsteinflößendes, von einem Augenzeugen gefilmtes Video zeigt, wie der Täter in einer Art Kampfanzug an einem Auto steht und wahllos um sich schießt. Dieses Video lässt erahnen: Es hätte jeden treffen können. Alter, Geschlecht oder Nationalität scheinen keine Rolle bei der willkürlichen Wahl der Opfer gespielt zu haben.
Keiner von uns kann sich auch nur ansatzweise vorstellen, wie sich die 70 bis 80 Menschen in der Synagoge wohl gefühlt haben müssen. Sie alle wollten gemeinsam das Versöhnungsfest, den höchsten jüdischen Feiertag feiern, doch statt dessen mussten sie um ihr Leben fürchten und konnten nur hoffen, diesen Angriff zu überleben.
In der letzten Zeit berichteten die Medien über Ausgrabungen von Stollen im KZ Buchenwald und erinnerten so einmal mehr an die sechs Millionen Juden, die während des Holocaust in Konzentrationslagern und andernorts ermordet wurden. Diese Erinnerungen sind unsere Geschichte.
Für manche ist es lediglich die Geschichte ihrer Eltern oder Großeltern, Einzelne spüren überhaupt keine Verbindung dazu, weil dieser Teil der Geschichte für sie so lange vergangen ist. So machen sie es sich leicht, jegliche Verantwortung für ihr persönliches Handeln von sich zu weisen.
Doch die Ereignisse von gestern zeigen, wie falsch diese Sichtweise ist: Es handelt sich eben nicht um eine weit zurückliegende Geschichte, sondern um eine, die uns immerzu still begleitet. Sie ist heute und an jedem einzelnen Tag ein Teil unseres Lebens, und sie kann jederzeit wieder ausbrechen und Realität in der Gegenwart werden.
Es ist nicht zu verstehen, wie ein junger Mann, der den Holocaust nicht miterlebt hat und vielleicht nicht einmal aus den Erzählungen von Zeitzeugen kennt, so einen abgrundtiefen Hass entwickeln kann. Hass auf Menschen, nur weil sie einer anderen Religion angehören und ihren Glauben pflegen, so wie es unser Grundgesetz jedem Menschen als sein freies Recht zusichert.
Die Leugnung des Holocaust und die Theorie von einer „Verschwörung des Weltjudentums“ sind elementarer Bestandteil von rechtsextremem Gedankengut. Sie sind der Nährboden für den Hass, der in einem jungen Mann den Drang zum Töten wachsen lässt.
Umso mehr zeigen die Ereignisse von gestern, dass unsere Gesellschaft ein großes Problem hat.
Sie zeigen, wie leicht und tiefgreifend Menschen zu rechtsextremistischen und antisemitischen Gedanken hin lenkbar sind. Damit nicht genug – Menschen können so weit manipuliert werden, dass sie aus solchen Gedanken Taten werden lassen. Taten, die in ihrer Grausamkeit und Sinnlosigkeit gedanklich kaum zu fassen sind.
Was gestern geschah, zeigt aber auch: Extremismus kennt keine Religion und keine Hautfarbe.
Einem Bericht der Tagesschau online zufolge existieren im Internet Plattformen, auf denen sich Menschen über ihr rechtsextremistisches und antisemitisches Gedankengut austauschen. Sie haben dort ein perverses Punktesystem eingerichtet – wie in einem schrecklichen Videospiel: Der „beste Anschlag“ mit den meisten getöteten Menschen bekommt die höchste Punktzahl.
Ist den beteiligten Personen wirklich der Unterschied zwischen Spiel und Ernst nicht bewusst? Haben diese sich auch nur einmal gefragt, was denn der „Hauptpreis“ eines solchen Wettbewerbs sein soll, wohin dieses abartige „Spiel“ um Menschenleben führen soll?
Die weiter führende, bittere und uns als Gesellschaft durchaus mit betreffende Frage aber ist: Wie kann so etwas geduldet werden?
Wie kann es sein, dass heute einerseits über Sicherheitsthemen wie Bodycams für Polizeibeamte und Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen endlos diskutiert wird – andererseits aber in den Tiefen des Internet ein rasant wachsender rechtsfreier Raum entsteht?
Wie kann es sein, dass Plattformen den Austausch über üble Gewaltfantasien ebenso wie über reale Gewalttaten, Anschläge sowie die „Bewertung“ von Angriffen auf lebende Menschen möglich machen?
Drohende Gewalttaten kann man nicht nur auf der Straße, im sogenannten analogen Leben, erkennen! Sie sind auch berechenbar über die intensive Beobachtung von Vorgängen im Internet, angefangen bei den sozialen Medien bis hin in die dunkelsten Ecken. Die Technologie dazu existiert – woran scheitert es also?
Warum müssen erst unschuldige Menschenleben dem rechten Terror zum Opfer fallen, ehe die Gesellschaft die von ihm ausgehende Gefahr erkennt?
Schon lange sind islamistisch motivierte Terroranschläge und die Frage, ob und wie viele der Geflüchteten in unserem Land dem IS zugehören, nicht mehr die einzigen potentiellen Bedrohungen für die Sicherheit in unserem Land, für unsere Gesellschaft.
Der stille, unentdeckte und nicht offen auf der Straße ausgetragene Rechtsextremismus hat längst Ausmaße jenseits unserer Vorstellungskraft angenommen.
Dieser stille Rechtsextremismus ist eine tickende Zeitbombe, die oft erst erkannt wird, wenn sie explodiert und unschuldigen Menschen ihr Leben raubt. Dies ist der Punkt, an dem er in lauten Terror umschlägt.
Prävention von rechtsextremistischer und antisemitischer Gewalt beginnt nicht mit der „Explosion“, sondern sie muss schon viel früher ansetzen.
In Anbetracht des jungen Alters des mutmaßlichen Täters muss man sich durchaus fragen, ob und wie wirkungsvolle Aufklärungsarbeit an seiner Schule geleistet wurde.
Die ausführliche Behandlung des Holocaust, der Entstehungsmechanismen von Faschismus, der Aktivitäten von und Gefahren durch Neonazis im In- und Ausland – diese Themen müssen obligatorischer Bestandteil der schulischen und außerschulischen Bildung sein. Sie müssen intensiviert werden, und auch die Auseinandersetzung mit der Holocaustleugnung gehört dazu.
Bildung und Wissen sind die beste Prävention.
,,Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen!“, sagte George Santayana.
Dem können wir uns nur anschließen.
One thought on “Der laute Terror und der stille Rechtsextremismus”
Ein Beitrag, der zum Nachdenken anregt.
Genau zu diesem Thema hat Innenminister Seehofer heute Stellung genommen. Es ist eine legitime Forderung von uns Bürgern, dass die von ihm angekündigten Maßnahmen mit hoher Priorität umgesetzt werden.